Faszination Strassenmusik

Kein Ticketverkauf, nicht organisieren oder lange Aufstellen müssen, einfach mutig und selbstverständlich anfangen zu singen, inmitten der Leute, inmitten des Alltags…ein kleiner, unverhoffter, musikalischer Moment, der geteilt wird mit diejenigen, die zuhören wollen!

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann ich das erste Mal Strassenmusik gemacht habe. Ich kann mich aber an viele unterschiedliche Orte, Momente, Begegnungen und Erlebnisse erinnern, die so bunt sind wie eine Patchwork-Decke! In Bern war ich einmal alleine unterwegs und habe fast nichts verdient…die meisten gingen einfach an mir vorbei. Dann kam eine junge Asiatin und drückte mir eine 200er Note in die Hand! Ich war baff! Sprachlos!

Ein anderes Mal sang ich wieder in Bern, beim Bahnhof. Ein Arbeiter in seiner knalloranger Uniform blieb stehen. Er hörte mir zu. Sehr lange. Es war Feierabend. Er kam zu mir und sagte: „Sie haben meinen Tag total verschönert und mich glücklich gemacht.“ Ich war berührt und dankbar!

Ein anderes Mal kam ein eher mittellos wirkender Mann, öffnete sein Portemonnaie und schüttete sein ganzes Kleingeld in meinen Hut. Es sei so schön, wie ich singe. Ich solle unbedingt weitermachen.

Einmal habe ich beim Singen beobachtet, wie ein Bettler von Person zu Person ging und nichts bekam. Ich schaute in meinen Hut und fühlte mich privilegiert, weil ich singen konnte und eine Ausrüstung hatte. Da nahm ich fünf Franken aus meinem Hut, hörte auf zu singen, liess die Musik laufen, näherte mich dem Bettler, schenkte im fünf Franken und ging zurück, um weiter zu machen. Sein Glück und seine Dankbarkeit werde ich nicht mehr vergessen!

Über Geld, den richtigen Ort und die richtige Zeit

Welche Rolle spielt Geld, wenn ich als Strassenmusikerin auftrete? Mmmhh, da gibt es keine einfach Antwort. Es ist wichtig für mich, dass mir einige Leute etwas geben, dabei spielt der Betrag eine sekundäre Rolle. Wenn alle vorbeilaufen oder stehen bleiben würden, ohne etwas zu geben, könnte ich auf Dauer nicht weitermachen. Geld ist eine Art von Wertschätzung, die ich erhalte, für das was ich mache. Aber Wertschätzung kann sich auf verschiedene Arten zeigen: Jemand nimmt deine Karte mit (für weitere Engagements) oder bleibt länger stehen, hört zu, schaukelt mit. Kinder, die dich fasziniert anschauen und einfach drauf los tanzen. Die Mischung machts aus.

Man wird als Strassenmusikerin nicht reich, definitiv nicht. Aber man erreicht ein Publikum, dass man bei einem kleinen, organisierten Event vielleicht nicht erreichen würde. Dabei scheinen mir zwei Dinge besonders wichtig: Der Ort und die Zeit.

Sehr gerne spiele ich an Haltestellen (Tram, Bus, beim Bahnhof). Wieso? Weil die Leute aufs Warten eingestellt sind. Und am Feierabend. Weil die Hetze, die am Morgen vorhanden ist, am Abend fast nicht da ist. Viele sind müde vom Arbeitstag, man will nach Hause oder jemanden treffen und noch etwas unternehmen. Ich meine beobachtet zu haben, dass Musik und Gesang zu diesem Zeitpunkt und an eben diesen Orten, sehr geschätzt wird. Leute nehmen einen späteren Bus, um zuzuhören. Um den eigenen Gedanken etwas Zeit und Raum zu lassen.

Da fällt mir eine ganz bestimmte Erfahrung ein: Ein Ehemann hat mich auf den digitalen Plattformen gesucht (und gefunden) um mich für die runde Geburtstagsfeier seiner Frau zu buchen. Der Grund? Seine Frau hatte damals, als sie mich in Bern am Feierabend singen hörte, ihren Mann angerufen und gesagt, dass sie später nach Hause kommen würde und nicht kochen könne, denn sie wolle mir zuhören. So sehr hat ihr meine Musik gefallen.

Aber warum Faszination?

Besonders reizvoll an der Strassenmusik finde ich die Möglichkeiten, die sie mir, als selbständige Musikerin, bietet: Wenn ich vor Publikum singen möchte, jedoch gerade keine Auftrittsgelegenheit habe oder keine Band vorhanden ist, dann bleibt immer noch die Option, auf der Strasse aufzutreten.

Natürlich muss man sich über Eines im Klaren sein: Man stellt sich aus, macht sich angreifbar, setzt sich der Kritik aus. Welche Musik ich singe und wie gut ich darin bin, ist natürlich essenziell. Ich will kein Mitleid, sondern Aufmerksamkeit: ZuhörerInnen. Manchmal hält niemand an, alle ziehen an dir vorbei, keiner legt Geld in den Hut. Dann brauchst du ein „dickes Fell“. Dann versuchst du es eben an einem anderen Ort. Oder zu einer anderen Zeit.

Es ist auch ein grosser Unterschied, ob du in einer Gruppe oder alleine unterwegs bist. Früher waren wir zu dritt: Drei Stimmen und eine Gitarre. Das war ein Spass! Und ein gemeinsames Erlebnis! Nach meinem dreijährigen Aufenthalt in Sierra Leone kam ich wieder in die Schweiz zurück: Mir fehlte das Netzwerk und die Zeit, um eine Band aufzubauen. Ich wollte sofort Musik machen können, auch mit Familie und Job. Die einzige Möglichkeit, die sich mir unmittelbar bot, war, alleine Strassenmusik zu machen. An meinem eigenen Feierabend, wenn ich fertig mit Arbeiten war, bevor ich nach Hause ging. Es war ein grosser Schritt und brauchte einiges an Mut, alleine als Strassenmusikerin aufzutreten.

In diesem Frühling werde ich, und das ist ein Novum, mit meinen eigenen Songs auf Strassenmusik-Tour gehen. Bisher habe ich immer Covers gesungen, dh. dem Publikum waren die Songs oft bekannt. Jetzt geht es um meine eigenen Stücke, 13 Songs, in drei verschiedenen Sprachen, die (fast) niemand kennt. Eine Feuerprobe, dem Röstigraben entlang, bewusst die Zweisprachigkeit im Vordergrund.

Ich werde unterwegs sein, meine CD im Gepäck, auf mich gestellt. Wieder die Komfortzone verlassen. Immer noch. Immer wieder.

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